Der Griechische Chorsatz

Lora Petropoulou, Sopran und Chorleiterin; Präsidiumsmitglied des Panhellenischen Verbands der Dirigenten von Chor- und Instrumentalmusikensembles

 

Das griechische Volkslied entstand aus der alten griechischen [1]  und der daran anschließenden byzantinischen Musik und ist in erster Linie einstimmig mit instrumentaler Begleitung, letztere auf Verdopplung und Verzierung der Melodie unter Verwendung eines Pedals basierend. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Bayern nach Griechenland kamen, kamen zu der Begleitung 3-stimmige Akkorde.

Zwei westliche Gebiete bilden eine Ausnahme: Epirus und die Ionischen Inseln, wo einstimmige neben mehrstimmigen Liedern als Ausdruck der menschlichen Gefühle sich entwickelten.

 

Der mehrstimmige Gesang in Epirus

Wie in allen gebirgigen und abgelegenen Orten, wo die pentatonische Tonleiter überlebte, ist sie die Grundlage der musikalischen Ausdruckweise in Epirus [2] . Weil die Dissonanz des Intervalls der kleinen Sekunde nur schwach ist, ist dieses System für die Mehrstimmigkeit gut geeignet. 

Die Melodien der mehrstimmigen Gesänge von Epirus sind einfach, der Rhythmus ist regelmäßig (zwei oder drei Schläge pro Takt) oder unregelmäßig (fünf oder sieben Schläge) und wechselt oft in einem und demselben Lied.

Die Lieder von Epirus sind mehrstimmig und zumeist unbegleitet. Es gibt zwischen zwei und vier Stimmen. Musikinstrumente kamen erst später hinzu.

Bei der Aufführung hat jedes Mitglied der Gruppe eine eigene Rolle. Die Gruppe besteht aus 4 – 15 Sängern [3] .

Ein wichtiges Charakteristikum dieses mehrstimmigen Gesangs ist, dass er drei oder vier unabhängige melodische Linien aufweist [4] .

  1. Der partis ist der Vorsänger, der die Hauptmelodie singt und gleichzeitig die Gruppe führt, koordiniert und organisiert.
  2. Der gyristis oder klostis singt kontrapunktisch [5]  die zweite melodische Linie. Seine Anwesenheit ist wesentlich für den Stil, er führt immer zu einer Dissonanz mit dem  partis (eine große Sekunde oder eine kleine Septime).
  3. Der rihtis kam im 20. Jahrhundert hinzu, er singt eine dritte melodische Linie.
  4. Die Pedalhalter sind die Chorsänger, die die Grundnote halten.

 Ein Videoclip: http://www.youtube.com/watch?v=2zH8_a1dP6g&feature=related

 

Der Chorgesang auf den Eptanisos-Inseln

“Eptanisos” ist der Name einer Gruppe von sieben Inseln im Ionischen Meer, die Griechenland von Italien abgrenzen. Die größten dieser Inseln sind Kefallonia, Korfu, Zakynthos und Lefkada.

Unter dem Einfluss Italiens und der griechischen byzantinischen Tradition und unter Bereicherung der örtlichen Kultur der Eptanisos-Inseln entstand eine Art einstimmiger Volksgesang, der sich gänzlich von dem des übrigen Griechenlands unterscheidet.

Im 17. Jahrhundert erschien in Lixouri, dem wichtigsten Verwaltungszentrum von Kefallonia, die arietta (eine kleine Arie). Es handelt sich um ein Lied mit zwei bis vier Versen, die zweimal hintereinander gesungen werden und immer in Dur sind, da dieser Modus besser für Improvisationen geeignet ist als eine Molltonart.

Die kantada (vom italienischen canto abgeleitet) [6]  entwickelte sich aus der arietta. Einer der Hauptunterschiede ist, dass in der arietta die Hauptmelodie von einem Solotenor gesungen wird. Die übrigen Stimmen setzen nach und nach im Verlauf einer Phrase ein, spätestens direkt vor der Kadenz, und unterstützen ihn harmonisch. Das Lied entwickelt sich schließlich Phrase nach Phrase bis zum Ende. Bei der kantada wird jede Stimme von einer Gruppe von Sängern gesungen, und Solostimmen sind selten.

 

A group of singers singing a ‘kantada’ on the street
A group of singers singing a ‘kantada’ on the street

 

Arietta und kantada (4)  sind angenehme melodische Lieder für Männerchor und sind vor allem ein Tribut an die Schönheit des Lebens und der Liebe. Oft standen junge Männer unter dem Fenster ihrer Geliebten und sangen für sie. Anfangs waren es dreistimmige Lieder ohne Instrumentalbegleitung. Später kamen durch den Einfluss ausgebildeter Musiker vierstimmige Lieder dazu, die mit Gitarre und Mandoline begleitet wurden. Ihre Autoren sind unbekannt, sie waren normale Menschen ohne besondere musikalische Kenntnisse; sie besaßen nur ihren Instinkt und ihre Leidenschaft.

Beide Arten bestehen harmonisch gesehen aus

  1. Dem primo (Tenor I) – der Hauptmelodie
  2. Dem secondo (Tenor II), der den primo in einer parallelen Terz darunter oder einer Sexte darüber verdoppelt.
  3. Der terzo (Bass I oder Bariton) wurde später von ausgebildeten Musikern zwischen dem Tenor II und dem Bass eingefügt, wodurch die dreistimmige zu einer vierstimmigen Melodie wurde. Er basiert auf der Dominanten der Tonleiter.
  4. Der bass II hält die Grundtöne der I-IV-V Akkorde und verbindet sie mit den anderen gesungenen Noten.

Videoclip: http://www.youtube.com/watch?v=j1D5o9b-Dj4&feature=related

 

Arietta und kantanda verbreiteten sich von Kefallonia auf die übrigen Ionischen Inseln und bis nach Athen. Jede Insel passte sie ihrem eigenen lokalen Charakter an, und so konnte man ein und dasselbe Lied in drei verschiedenen Fassungen hören. In Zakynthios wurde die arietta zur arekia (von a orecchio, wörtlich: vom Ohr, d.h. nach Gehör).

Die Form der kantanda ging auch ganz natürlich in die Kirchenmusik ein, denn die meisten kantanda-Sänger sangen auch in der Kirche. So wurden ursprüngliche oder authentisch byzantinische Lieder in drei- oder vierstimmige Sätze für Männerchor umgewandelt.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass die Lieder von Epirus und die der Eptanisos-Inseln die gleiche Art des Aufbaus und der Aufführung verwenden.

Wie immer bei der Volksmusik stammten die Künstler aus dem Volk, sie konnten weder Noten lesen noch schreiben. So setzten ihre Schöpfer ihr einziges Werkzeug ein, nämlich die Technik der stereotypischen strukturellen Elemente.

Bei den mehrstimmigen Gesängen von Epirus sind dies:

  • Die melodischen Schemata von klostis und
  • Das Halten des Grundtons.

(Click on the image to download the full score)

dossier_1_Greece_Example_1

 

Bei den einstimmigen Sätzen von Eptanisos sind es:

  • Die Verdoppelung des primo durch den secondo eine Terz tiefer und
  • Das Melodiemuster des Basses.

(Click on the image to download the full score)

dossier_1_Greece_Example_2

 

Bei beiden Formen sind die Sicherheit und die Improvisationsmöglichkeiten des benutzten Materials Grundvoraussetzung: die pentatonische Tonleiter und die Durtonart.

 


Fußnoten:

[1]  Unser Volkstanz “Kalamatianos”, basiert auf dem Daktylischen Hexameter der Epen Homers.

[2]  Ioannidis G.: Musici, Editione Mea, Athens, 1978. 

[3]  Lavdas A.: Pentafthoges klimakes en ti Dimodi Mousiki tis Ipirou, Ipirotiki Estia, 1957

[4] Lolis K.: To Ipirotiko polyphoniko tragoudi, Ioannina, 2006

[5]  Es handelt sich dabei nicht um die echte Polyphonie des europäischen musikalischen Systems, sondern um eine “quasi Polyphonie”, welche aus der Verwendung stereotypischer Melodiemuster unterhalb der Hauptmelodie  (gyristis) oder ihrer Transposition um eine Oktave höher (klostis) besteht.

[6]  Skiadaresis S.: Arietta kai kantada, “Ios” magazine, vol.58-60, 1962.

 

 

Lora PetropoulouLora Petropoulou, soprano and choral conductor, Member of the Board of the Pan-Hellenic Association of Conductors of Choral & Instrumental Ensembles

 

 

 

 

Aus dem Englischen von Jutta Tagger, Frankreich

Edited by Giorgio Galassi, Italy