Gregorianischer Choral: Fremd im eigenen Haus

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Von Fulvio Rampi, Chorleiter und Lehrer

 

Der von mir gewählte Titel für diesen Artikel ist die bittere Synthese post-konziliarer Überlegungen – es wäre vielleicht korrekter zu sagen „fehlender Überlegungen“ – in Bezug auf den Gregorianischen Choral. Viele Male habe ich gedacht, dass es einfacher wäre, über den Gregorianischen Choral zu sprechen, wenn das Sacrosanctum Concilium, der berühmte Artikel 116, so formuliert worden wäre: „Während die Kirche die künstlerischen und ausdrucksstarken Eigenschaften des Gregorianischen Chorals immer gewürdigt hat, erkennt sie ihn nicht als die richtige Musik für die römische Liturgie an: daher hält er nicht die wichtigste Stellung, obwohl er nicht von der Liturgie ausgeschlossen wird.“ Jeder andere hätte sich gedrängt, dem Gregorianischen Choral in Anerkennung seines Wertes als Grundlage der westlichen Musik eine Goldmedaille zu verleihen; bis heute wären sich fast alle einig, dass er als wichtiger kultureller Faktor der Vergangenheit und als herausragendes Zeugnis der Kirchenliturgie anzuerkennen ist, aber er wird hoffnungslos überlagert von neuen liturgischen Ansprüchen, auf die er vielleicht nicht in der passenden Form reagieren kann. Indem sie ihm die Ehre zugesteht, den er durch jahrhundertelangen Dienst erworben hat, sollte es die Kirche selbst sein, die ihm einen neuen, angemessenen – wenn auch nicht mehr den wichtigsten – Platz in ihrer Liturgie gewährt. Das wäre vernünftiger, einfacher und ganz gewiss viel bequemer.

Die post-konziliare Praxis hat, wie wir wissen, in Wirklichkeit die traurige Fantasie dieses ausgedachten Artikels 116, den ich mir die Freiheit zu erfinden nahm, bei weitem übertroffen. Die schreckliche Trockenheit liturgischer Musik ist in Anbetracht der zuvor erwähnten hypothetischen post-konziliaren Feststellung überraschend. Dennoch bekommt all dies eine skandalöse Nebenbedeutung – skandalös im etymologischen Sinn – im Licht des wahren konziliaren Artikels: „Die Kirche erkennt den Gregorianischen Choral als die wahre Musik der römischen Liturgie an: daher, da alles innerhalb der Liturgie gleichwertig ist, hält er die wichtigste Position.“

In der Weisheit ihrer Tradition hat die Kirche nie irgendwelche Zweifel in Bezug auf den Gregorianischen Choral gehabt: das Sacrosanctum Concilium besiegelt nur einen unbestreitbaren Zustand mit einem entschiedenen Gebot und so mit einer Verpflichtung zu einem erneuerten Verständnis, das nie versagen kann. Ein erneuertes Verständnis, das es sich nicht leisten kann die falschen Fragen zu stellen, genau weil es auf einem unveränderlichen Gebot gegründet ist. Die Frage „Gregorianischer Choral, ja oder nein?“ ist falsch gestellt und verdient keine Antwort, da die Kirche bereits eine unmissverständliche gegeben hat. In dem konziliaren Artikel, den ich zitiert habe, bestätigt die Kirche das Offensichtliche: es ist wichtig zu vermerken, dass die Betonung auf der Tatsache liegt, dass der Gregorianische Choral zur Liturgie der Kirche gehört, daher wird er auf einer Ebene wertgeschätzt, die rein künstlerische Überlegungen übersteigt. Die Kirche wird niemals definiert durch ein Kunstwerk, einen Architekturstil oder ein musikalisches Repertoire. Der Gregorianische Choral ist keine Ausnahme (auch wenn es so scheinen mag), wenn man davon ausgeht, dass er nie von künstlerischer Warte beurteilt wird, sondern eng verbunden ist mit seinem wahren Schatz: Gottes Wort. Dieses allein gehört zu ihm, da die Interpretation des Wortes zur Kirche gehört. Wenn wir also über den Gregorianische Choral sprechen, geht es nicht um die Musik, sondern um ein grundlegendes kirchliches Element: das Verhältnis zwischen der Kirche und dem Wort. Von diesem Konzept, unverzichtbar für das Verständnis des komplexen Phänomens mit Namen Gregorianischer Choral, werden wir bei unseren Überlegungen ausgehen.

Aus dem Konzilsdokument ergibt sich die Einladung, liturgische Musik und vor allem den Gregorianischen Choral nicht abzuschreiben, sondern neu zu denken. Letztlich bedeutet das, neue kirchliche Überlegungen zu fördern, die nicht nur auf einer in der Tradition gesicherten Quelle beruhen, sondern auf immer neuen Entdeckungen aus vielerlei Studien- und Forschungsgebieten (Gregorianische Paläographie und Semiologie, Modalität und sogar Patrologie, Liturgie, Theologie, Kunstgeschichte …), die auf eine ernsthafte und nicht-ideologische Weise beispiellose Beiträge zum Körper und zur Substanz des lebensnotwendigen Prinzips von nova et vetera, dem Lebensatem der Tradition der Kirche leisten. Kontinuität und Abtrennung sollte sich nicht auf ein Objekt beziehen (in diesem Fall auf den Gregorianischen Choral), sondern auf ein erneuertes Verständnis, Ergebnis neuer Methoden des Nebeneinanderstellens, die vor allem während des vergangenen Jahrhunderts reiften. Im Licht des letzten Konzils wurde es erforderlich, den Gregorianischen Choral – und damit die ganze liturgische Musik – im Zusammenhang eines sich ergänzenden und nicht gegensätzlichen Verhältnisses zwischen Kontinuität und Abtrennung neu zu überdenken, wobei das eine (Kontinuität) die Gültigkeit und das zugrundeliegende Prinzip des anderen (Abtrennung) garantiert.

Da der Gregorianische Choral für alle Zeit die wahre Musik der Liturgie ist, benötigt wahre Kontinuität Abtrennung, ein Wegreißen vormals verfestigter, überholter Praktiken, die über die Jahre zum Verschleiern und Verdunkeln der wahren Natur und der Ausdruckskraft der Musik geführt haben. Falls man unter Kontinuität die bloße Wiederherstellung einer post-konziliaren Praxis versteht oder die Verteidigung eines verkrusteten und für jede „Provokation“ unzugänglichen, aus den vielen Feldern akademischer Musikforschung herrührenden Verständnisses oder Konzeptes, dann würde die Abtrennung der gleichen Logik folgen, da sie beschränkt ist auf eine gleiche und opponierende Kraft, deren Ziel es ist, Überdenken mit Beseitigung gleichzusetzen. In Wirklichkeit wird die post-konziliare Diskussion beträchtlich unterdrückt und erschöpft durch das Nebeneinander – entlang fatal ideologischer Linien – eines Gregorianischen Chorals, der in jedem Fall unstrittig ist und eines Gregorianischen Chorals, der gänzlich eliminiert werden muss.

Diese törichte Frage hat das Tor geöffnet für zahlreiche Katastrophen und andere ebenso falsche und nicht weniger vernichtende Fragen, die hochtrabende und sakrosankte Prinzipien betreffen, wie zum Beispiel participatio actuosa, elendig auf einen bitteren Witz reduziert. Sie hat allmählich eine paradoxe Situation geschaffen und verfestigt, in der sogar die normale Ausführung einer normalen Gregorianischen Antiphon, die immer wünschenswert und lobenswert war, plötzlich zu einer Gefahr für die Liturgie wird. Anstatt eine objektive Tatsache richtiger (das bedeutet: offizieller) Musik zu sein, wird die Gegenwart des Gregorianischen Chorals in der Liturgie durch die willkürlichste Subjektivität oder besser vom Wohlwollen (oder der Abneigung) des präsidierenden Zelebranten, des Liturgen, des Priesters oder des Bischofs reguliert. Mich überrascht die Leichtigkeit, kirchlich gesprochen, mit der solch ernste Missverständnisse akzeptiert werden. Mir scheint, dass das Anliegen im Namen des sogenannten „Geistes des Rates“ einfach ignoriert wurde. Das alles, weil die falsche Frage gestellt wurde. Um zum Gregorianischen Choral und darüber hinaus zur liturgischen Musik als Ganzes mit allen ihren neuen Perspektiven die richtigen Fragen zu stellen – und man könnte sagen, die notwendigen – , muss man erst einmal einen Schritt zurück gehen, zuerst und vor allem das bestätigen, was in Wirklichkeit immer als selbstverständlich betrachtet wurde. In der gegenwärtigen Situation würde es eine große Neuheit bedeuten, das Selbstverständliche zu bestätigen. Aber es ist der erste wirkliche Schritt – selbst, wenn er besorgniserregend und beschämend ist – um viel verlorenen Boden zurück zu gewinnen.

Nun denn, wir müssen uns fragen, was dieser verlorene Boden sein mag; wo ist das Motiv, das aus dem Gregorianische Choral eine wahre „kostbare Perle“ macht? Lassen Sie uns jenseits von peinlichen Vereinfachungen und verschiedenen vorgefassten Meinungen zurückkehren zu den Ursprüngen und uns die einfachste und herausforderndste Frage stellen: was ist Gregorianischer Choral? Es gibt unterschiedliche Schritte, um diese Frage zu beantworten, jeder von ihnen definiert allmählich den Pfad zum Verständnis seiner wahren Identität.

  • Die einfachste Antwort liegt in dem, was wir bisher gesagt haben: der Gregorianische Choral ist die wahre Musik der Liturgie der römisch-katholischen Kirche. Wir sollten uns daran zu allen Zeiten erinnern: das vorrangige Charakteristikum des Gregorianischen Gesangs ist von Natur aus kirchlich, und dadurch steht dieses Repertoire (lassen Sie es uns so nennen) in einer Beurteilungsklasse, die über die rein künstlerische Dimension hinausgeht und direkt auf das besondere und enge Verhältnis zwischen der Kirche und dem Wort Gottes hinweist. Die Kirche hat ein einzigartiges Verhältnis zwischen dem Gregorianischen Choral und dem Wort aufgebaut, bis zu dem Punkt, an dem man, in diesem Verhältnis, in der Lage ist, die eigenen Gedanken der Kirche über das Wort, seine Widerspiegelungen, seine Interpretationen, seine Auslegung zu definieren. In anderen Worten: die Kirche erzählt uns, dass wir genau die Gedanken der Kirche über den Text ausdrücken, wenn wir Gregorianische Choräle singen. Sie erzählt uns vor allem dieses. Nicht einfach dieses, aber dieses vor allem. Da gibt es natürlich noch viel mehr, aber für jetzt sind wir gewiss, dass wir die Interpretation der Schrift durch die Kirche „leben und atmen“ und vor ihr geleitet sind. Das müsste genügen, um den Gregorianischen Choral als wahres Symbol der römisch-katholischen Kirche zu definieren.
  • Eine zweite Antwortebene ist diese: der Gregorianische Choral ist – und hier erweitern wir das, was vorher gesagt wurde – die hörbare Version der Interpretation des Wortes. Die Interpretation des Wortes macht Geräusche, sie nimmt die Form eines musikalischen Ereignisses an, sie gibt dem Wort Klang. Wir wissen wohl, welch große Verantwortung dem Klang nun anvertraut wird, im Prinzip gedacht als Medium der Sinne. Und nun der nächste Schritt: die Interpretation des Wortes wird Klang, daher akzeptiert die Kirche den Klang, „weiht“ ihn als wesentlichen Teil des liturgischen Geschehens und verwandelt ihn in ein „Medium der Sinne“ oder vielmehr in etwas, das viel mehr ist als einfach die „Ausschmückung“ eines Textes. Dies ist ein wesentlicher Schritt. Der gesungene Text muss übereinstimmen mit dem Text, der erklärt wird; die Erklärung des Textes liegt in der genauen Komposition des Klanges. Dadurch wird der Gregorianische Choral zur Erklärung des Textes nach den Wünschen der Kirche, ausgedrückt durch Klang.
  • Eine noch umfassendere Antwort auf unsere Eingangsfrage wäre Folgendes: der Gregorianische Gesang ist die liturgische Zusammenfassung der hörbaren Interpretation des Wortes. Das bedeutet, dass das Wort nicht nur interpretiert und gesungen, sondern darüber hinaus zusammengefasst wird; das Wort wird so zum liturgischen Ereignis, indem es sich in das Herz der kirchlichen Erfahrung stellt. Beachten Sie: das Wort wird nicht lediglich in die Liturgie gestellt, es selbst wird zur Liturgie. Das „Lied der Liturgie“ ist in der Tat „die Liturgie selbst in Gesang“.

Lassen Sie uns einen Moment innehalten, um den Weg zu betrachten, dem wir kurz gefolgt sind. Wir gingen vom Wort aus, oder besser von einer Anweisung, die die Kirche erteilt hat; ein Geschenk oder, wenn Sie möchten, ein Talent, ein Talent, das nicht vergraben werden darf, sondern genutzt werden muss, um Frucht zu tragen, um sich zu entwickeln und schließlich um zurückgegeben zu werden. Diese Rückgabe ist ein hörbares Ereignis, das mit den Sinnen kommuniziert und in die Höhen aufsteigt, um Liturgie zu werden. Der Klang selbst, die künstlerische Komponente, ist funktional; er stimmt mit diesem exegetischen Entwurf überein. Mit anderen Worten: der Gregorianische Choral übermittelt die Gedanken der Kirche über den Text und demonstriert nicht nur, wie dieser Text zu verstehen ist, sondern auch, wie er gefeiert werden sollte. Das ernste Sprechen des abschließenden amen erkennt die Wahrheit an.

  • An dieser Stelle wäre es am besten, auf unserem Weg zum Verständnis und als Antwort auf unsere Eingangsfrage eine andere Beobachtung anzufügen: das liturgische Wesen des Gregorianischen Chorals liegt in seiner Fähigkeit zur Strukturierung in einer präzisen Form und einem präzisen Stil. Es gibt keine Liturgie ohne Form; Liturgie ist das genaue Gegenteil der Improvisation. Die Form ist nicht reiner Schein, im Gegenteil, die Form enthüllt die Substanz, deren Zeichen, Beweis und Garantie sie ist. Wir können sogar so weit gehen zu behaupten, dass es in Wahrheit keine Gregorianischen Gesänge gibt, sondern vielmehr Gregorianische Formen, die zu jedem individuellen Gesang gehören. Jede Form enthüllt, selbst inmitten der Vielfalt melodischer und rhythmischer Bewegungen, ein genau strukturiertes Wesen: sogar die Form selbst – ein anderer wichtiger Schritt auf unserem Weg – ist eng verbunden mit der Bedeutung der Liturgie. Zum Beispiel: wenn ich Bezug nehme auf einen Introitus (den Einzugshymnus), definiere ich automatisch den Zeitpunkt, die Form und den Stil dieser Passage. In diesem Fall würde ich nicht nur die Musik definieren, die die Feier der Eucharistie eröffnet, ich würde auch implizieren, dass sie einen antiphonalen, rezitierenden Ton (Form) in einem semiornato Stil (Kompositionsstil) erfordert. Genau so ist ein Introitus, er ist als solcher geboren, er hat diese Form, diesen Stil, diese Form: er kann nicht anders sein, sonst ist er kein Introitus. Wenn ich auf Graduale, Offertorium, Responsorium oder irgendeine andere gregorianische Form verweise, zeige ich immer auf genaue Strukturen, nicht auf gregorianische Kompositionen oder Gesänge. Gestatten Sie mir bitte eine kleine persönliche Abschweifung über die aktuelle Situation. Ich frage mich, ob es legitim ist und welchen Sinn es haben könnte, diese Voraussetzung, die uns von der uralten Monodie der liturgischen Tradition gegeben wurde, und die jahrhundertelang die Beziehung zwischen der musikalischen Form und der liturgischen Bedeutung geregelt hat, systematisch zu missachten.

Ich denke zum Beispiel an die Gesänge der Ordinarium Missae, an die Ordnung der Messe und insbesondere an das Gloria und das Credo, die, dank der weitverbreiteten und erbarmungslosen Begeisterung seitens der Gemeinde etwas völlig anderes geworden sind, nämlich responsorische Formen. Um die Gemeinde zum Singen zu ermuntern und mit der Illusion und dem gravierenden Missverständnis, dass dadurch aktive Teilnahme gefördert wird, werden einfache (und oft banale) Refrains kritiklos durch alle Teile der Feier gestreut; das traurige Ergebnis dieser Gewohnheit ist die Schaffung zweifelhafter responsorischer Formen, die dem Wesen der Musik in der Liturgie völlig fremd sind und die sich die Kirche immer anders vorgestellt hat.

Um zu unseren Überlegungen zurückzukommen: bis jetzt konnten wir beobachten, wie der Text feste Elemente in einer vorgeschriebenen Ordnung enthalten muss. Dies ist die Wurzel liturgischer Musik. Beim Gregorianischen Choral meißelt die Kirche diese Bedingung für alle Zeit in Stein, dennoch müssen wir uns klar darüber sein, dass die Kirche selbst nicht vorschreibt, dass nur der Gregorianische Choral gesungen werden darf, aber dass der Gregorianische Choral uns einen verpflichtenden Weg zeigt, dem wir für alle Zeit folgen sollen. Wir müssen uns klar darüber sein, dass das Ignorieren oder Geringschätzen eines zugrunde liegenden Prinzips de facto bedeutet, der kirchlichen Lehre über die liturgische Musik zu widersprechen.

  • Als wäre das noch nicht genug, müssen wir an diesem Punkt – sozusagen – unsere Trumpfkarte spielen. Denn ich bin davon überzeugt, dass das allerwichtigste Argument noch aussteht. Die wahre Kraft des Gregorianischen Chorals ist in Wirklichkeit anderswo zu finden, im weiteren Blick, wie das auch auf die Heilige Schrift zutrifft. Auch wenn eine gregorianische Passage alle Merkmale des Stils und der Form besitzt, die wir bisher erwähnt haben, auch wenn sie die komplexe „Überarbeitung“ durchgemacht hat, von der ich gesprochen habe, wird sie wenig bedeuten, wenn sie nicht auch Teil eines größeren, viel größeren Projektes ist, eines Projektes, das das ganze liturgische Jahr umfasst und von Beziehungen, Andeutungen und Querverbindungen lebt: in einem Wort, von Formeln. Ich kann den Gregorianischen Choral nicht singen, ohne mir bewusst zu sein und zu berücksichtigen, dass jedes Stück ein lebendiger Teil des gesamten Repertoires ist. Ohne die Beziehung, die zwischen dem Teil und dem Ganzen besteht, würde die innewohnende Bedeutung des Stückes selbst stark vermindert. Nur in diesem Spiel der Beziehungen, Querverbindungen und Andeutungen, manche undurchsichtiger als andere, kann ich wie im großen Kodex der Schrift oder in den uralten liturgisch-musikalischen Traditionen das Gefühl einer Episode, einer Bestätigung, eines musikalischen Fragments erfassen, sei es enger oder weiter. Der Gregorianische Choral lebt von diesen Beziehungen: seine kulturellen Wurzeln, die ihn in die mündliche Tradition stellen, werden durch den Einsatz einer außerordentlichen Mnemotechnik enthüllt. Der Gregorianische Choral ist tatsächlich der Gesang des Gedächtnisses. Hier also haben wir eine weitere Antwort auf unsere ursprüngliche Frage. Das gesamte Repertoire, das ganze riesige Projekt, so sorgfältig durchdacht und konstruiert, ruht auf dem Gedächtnis. Dies ist nicht der Ort für eine Analyse der historischen Entwicklung des Gregorianischen Chorals, aber es ist hilfreich sich zu erinnern, dass die ältesten schriftlichen Zeugnisse – die auf das zehnte und elfte Jahrhundert zurückgehen – auf ein grenzenloses Repertoire hinweisen, in dem das Gedächtnis die Beziehungen bestimmt. Jede gregorianische Passage ist ein Fragment des Ganzen, und dieses Fragment bekommt seine Funktion im Licht eines übergreifenden exegetischen Projektes. Mir scheint, dass der Gregorianische Choral verstanden werden kann im Sinne des wohlbekannten paulinischen Bildes des Körpers, in dem keines der Elemente für sich alleine lebt, aber alle Elemente zusammen ein lebendiges Ganzes schaffen.

Wir sind ein wenig vorausgeeilt und haben ein Blick erhascht auf die schwindelerregenden Höhen der Formulierung eines heiligen Textes. Wir haben aus der Höhe herabgeblickt und wir haben gesehen, was ich gerne mit einer großen Kathedrale vergleiche. Was können wir über eine Kathedrale sagen, wenn wir vor ihr stehen? Natürlich muss man zunächst das Material verstehen, aus dem sie gebaut ist, und die Technik, die bei der Konstruktion eingesetzt wurde, genau so, wie es unerlässlich ist, die Charakteristika des Textes eines Gregorianischen Chorals zu verstehen, von seinen Ursprüngen über seine phonetischen Eigenschaften bis hin zur Aussprache auf der Grundlage des syllabischen Wertes, und so weiter. Was wäre eine Kathedrale eigentlich, wenn sie ihrer überwölbenden Mission, ihres symbolischen und anspielungsreichen Wertes beraubt wäre? Das Material, zunächst rau, dann verfeinert, entwickelt sich schließlich angemessen einer Form, die selbst aus perfekten Proportionen geschaffen und vom Konzept der Ordnung gestützt ist, die eine ebenso unentbehrliche Voraussetzung für den Gregorianischen Choral darstellt. Es ist diese Ordnung, die die Form schafft und den Schlüssel zum Lesen eines Werkes liefert. Und ganz tief gedacht, warum sollten wir nicht an die Schöpfung selbst denken, die uns, wie in der Genesis beschrieben, als das Ergebnis einer unendlich weisen Schöpfung von Ordnung erscheint?

Wie ich schon sagte, steht der Gregorianische Choral vor uns in Form einer großen Kathedrale in der Mitte der Stadt: das ist die liturgische Musik. So ist es, so ist es objektiv. Die Schwierigkeit und Komplexität einer neuen Initiative in der liturgischen Musik kann nicht flüchtige Urteile und solch voreilige wie mittelmäßige Projekte rechtfertigen, die schon an ihrer Wurzel der Geschichte der kirchlichen Kultur widersprechen, einer Kultur, die immer von den besten Ergebnissen menschlichen Denkens genährt wurde. Der Gregorianische Choral wurde noch nicht genügend in seiner hervorstechenden Rolle als „die Stimme der Kirche“ studiert. Indem die Kirche selbst den Gregorianischen Choral als den ihren beansprucht, versichert sie uns, dass noch nicht alle seine Möglichkeiten ausgeschöpft sind, und dass wir aufgerufen sind, aus diesem Schatz, den wir als das Echo von Gottes Wort bezeichnen, „Dinge sowohl alt als neu“ zu entnehmen. Wenn wir geduldig sind und uns aufrichtig mit dem Gregorianischen Choral befassen und ihn verstehen wollen, wird er uns die Höhen lehren, die die Lectio Divina mit dem Wort erreichen kann. Denn der Gregorianische Choral ist die musikalische Form der Lectio Divina der Kirche. Wie sonst, in der Tat, könnten wir das „Arbeiten“ des heiligen Testes definieren, wie wir ihn bisher beschrieben haben, wenn nicht durch das Vergleichen seiner Phasen mit den verschiedenen Ebenen der Lectio Divina, beginnend mit dem ruminatio und endend auf solch berauschenden Gedankenhöhen? Ich frage mich, wie anders unsere alltäglichen Überlegungen zur liturgischen Musik wären, wenn sie bei einem freien und ernsthaften Vergleich mit dem Gregorianischen Choral begännen. Nur ein Anfänger könnte denken, dass geistliche Musik ausschließlich Gregorianischer Choral wäre. Aber dies nicht zu erkennen oder den Gregorianischen Choral ganz aus der Betrachtung auszuschließen, vergleicht sich mit der Beseitigung einer Kathedrale aus ihrer Stadt oder ihrer Diözese. Und, weit mehr, vergleicht es sich mit dem Verzicht auf irgendwelche fruchtbaren Überlegungen zu Initiativen in der liturgischen Musik. Das ist so, weil uns die Kirche mit dem Gregorianischen Choral ein und für alle Mal gesagt hat, dass das vertraute Wesen der geistlichen Musik darin liegt, Gottes Wort in ein liturgisches Ereignis zu transformieren. Jede andere Perspektive, wie legitim auch immer, ist zweitrangig. Es ist ein mit dem Gregorianischen Choral erreichtes Ziel, und vor uns steht ein Bekenntnis. Der Gregorianische Choral ist all dieses, und es ist ihm sogar gelungen, Formen populärer Musik zu beeinflussen. Das immense Kapital des sogenannten populären Gregorianischen Chorals ist die reife Frucht einer langen, weltlichen Reise, die ihre Wurzeln in dem vertrauten kirchlichen Wesen uralter liturgischer Monodie hat. Im Laufe der Jahrhunderte ist es möglich, den Gregorianischen Choral zu ersetzen, aber man kann niemals die ihm zugrunde liegenden Gedanken ersetzen. Der Gregorianische Choral ist gewisslich der künstlerische Ausdruck seiner Zeit und kann daher verdrängt werden, aber das bedeutet nicht, das ewige Siegel der Kirche auszulöschen. Wie Augustinus sagen würde: wenn es um Gottes Plan geht, „ändere das Muster, aber nicht das Projekt“ Kirchliche Überlegungen zur liturgischen Musik, die es versäumen, sich der Frage des Gregorianischen Chorals ernsthaft zu widmen, wären wie das Kaufen gefälschter Ware mit gefälschtem Geld.

 

Schlussfolgerung

Was aber kann realistisch getan werden? Was kann getan werden von einer Gemeinde, einer Kathedrale, einer kleinen Chorschola oder einem großen Chor? Was sind unsere Möglichkeiten, was sind unsere Mittel, was sind unsere Stärken? Wir werden alle in unsere Gemeinden zurückkehren, wo tausende wirklicher Probleme darauf warten, dass wir sie anpacken, und die allen Raum einnehmen werden, den wir vielleicht zur Verfügung gehabt hätten, um neue Überlegungen anzustellen. Und dann, selbst wenn wir diese Beobachtungen mit anderen teilen, wie können wir sie verwirklichen in einem kirchlichen Kontext der nicht, außer bei seltenen Gelegenheiten, dazu bereit ist, diese Art liturgisch-musikalischer Perspektiven zu bedenken? Man bekommt oft den Eindruck, dass, wo Ideologie nicht dominiert, Gleichgültigkeit regiert, was bis zu einem gewissen Grad noch schlimmer ist. Was sollten wir tun, wenn die Aussichten so trübe sind? Wo sollten wir anfangen? Welchen Ansatz sollten wir wählen?

Nun, es gibt einen Ansatz, von dem ich glaube, dass er in jedem Kontext stimmt, unabhängig von Möglichkeiten oder bestimmten Situationen, und der betrifft das Vertrauen haben im Umgang mit dem Gregorianischen Choral. Vertrauen in den Gregorianischen Choral zu haben bedeutet zunächst, der Tatsache zu vertrauen, dass die Kirche auf diese Sache geblickt und sie für gut befunden hat. Eine gute Sache, die als solche zu unserem Vorteil ist, zu unserem besten. Der erste Schritt besteht darin, den Willen aufzubringen, zuversichtlich durch eine Tür hindurch zu gehen, die objektiv sehr schmal gemacht worden ist. Ja, der Gregorianische Choral ist schwierig, und er vermittelt nicht leicht Emotionen; er verspricht keine sofortigen Ergebnisse zu sehr niedrigen Preisen. Er erschließt sich nicht sofort und wird sich nicht einfach jedem anvertrauen. Denen, die ihn gerne kennen lernen wollen, bietet er eine tiefe und bedeutsame Begegnung an: ein „komm und schaue“, das wir mit „studiere und verstehe“ umschreiben könnten. Wir können ihn nicht außerhalb unserer gegenwärtigen Realität beurteilen: wir befinden uns selbst schon außerhalb des Denkens der Kirche. Aber lassen Sie uns es nicht für unerreichbar halten: für jene, die ihn kennen lernen wollen, sind die Mittel bereit, wir müssen nur nach ihnen suchen. Schritt für Schritt wird er sich enthüllen und Gefühle anstoßen, die nichts zu tun haben mit diesem vagen Gefühl von Spiritualität oder Mystik oder exklusivem Getue, das oft fälschlicherweise mit dem Gregorianischen Choral verbunden wird. Es braucht Zeit, und die Ergebnisse kommen langsam, da die Anstrengung in der heutigen Kultur des weitverbreiteten Argwohns doppelt erschwert wird. Nun, da es gesagt ist: warum nicht diese unmögliche Herausforderung in der Kirche annehmen? Vertrauen in den Gregorianischen Choral zu haben bedeutet, ihn an erster Stelle behalten zu wollen, sogar höher als in unserer Liturgie: in unseren Herzen. Es ist das Herz, das die Kirche als Geschenk anerkennen muss, als eine Gnade, als ihren Schatz und nicht als ein Hindernis. Es ist die Einstellung, die sich ändern muss, da von der Kirche viel mehr verlangt wird als von der kulturellen Welt. Ich kann persönlich bestätigen, das der Gregorianische Choral in Konservatorien und Musikkreisen hoch geschätzt wird: er wird anerkannt als die musikalische Sprache, die der westlichen Musikkultur Aufschwung gab. Der Gregorianische Choral hatte keine Schwierigkeiten, sich in der Welt der Musik zu behaupten, ein Zeichen, dass selbst von diesem außerordentlichen künstlerischen Standpunkt aus – den wir in dieser Betrachtung nicht einmal berücksichtigt haben – echte Gesänge der römischen Liturgie nie Minderwertigkeitskomplexe hatten und instinktiv verstanden, sich Respekt zu verschaffen. Aber, ich wiederhole – und dies ist genau das Problem – von der Kirche wird heute viel mehr erwartet. Die Kirche kann den Gregorianischen Choral nicht verstecken, aber ebenso wenig kann sie den Gregorianischen Choral nur für das würdigen, was er in der Vergangenheit darstellte: sie wird aufgerufen, diese Form der Musik zu lieben. Ihn heute zu lieben bedeutet, seine wahren Motivationen wieder zu entdecken, um seinen Besitz zu bewahren. Es bedeutet zu staunen und freudig zu danken für solch authentische Schönheit, ihn erneut anzuerkennen als die ideale Form des Glaubens und ihn deshalb in das Zentrum der heiligen Liturgie zurück zu stellen, Gipfel und Quelle eines in Christus gelebten Lebens.

Ich begann diese Überlegungen mit dem Zitat eines Glaubensartikels, den es glücklicherweise nicht gibt. Ich möchte auf die gleiche Weise enden, aber mit einem wichtigen Unterschied. Nach einem erfundenen Dokument, von dem wir nie wünschen würden, dass es in Wirklichkeit existiert, das aber eine wahre Situation einfängt, möchte ich ein anderes vorschlagen, das im Gegenteil nicht die aktuelle Situation einfängt, aber jenes ist, das wir gerne lesen würden. Hier ist es:“ Jede Kirche, Kathedrale, Basilika oder Grabkapelle ist verpflichtet, eine schola gregoriana aufzubauen, ob klein oder mit Männer- oder Frauenstimmen, die fähig ist, die verlangten Teile wenigstens der großen Feste und der Feiern des liturgischen Jahres aufzuführen. Die Leitung der schola gregoriana sollte nur einer Person anvertraut werden, die einen Abschluss auf dem Gebiet des Gregorianischen Chorals erworben hat, dessen originale Einheit und Reinheit die neuesten Forschungen wiederhergestellt haben.

Dieser letzte Satz ist nicht von mir, sondern abgeschrieben vom motu proprio von Pius X. (1903). Mehr als ein Jahrhundert später können wir von einer neuen ablatio sprechen, die dem Gregorianischen Choral während des ganzen zwanzigsten Jahrhunderts kontinuierlich neue Einheit und Reinheit gab. Das Gute daran ist, dass die Kirche endlich verstand, was sie getan hatte. Mit dem motu proprio von Pius X. wurden ein neuer Weg und eine neue Zeit in Stein gemeißelt. Nun ist es Zeit zu handeln, für jene, die die höchsten Positionen der Kirche bekleiden, und auch für den Rest von uns.

 

Nach Abschluss seines Orgel- und Kompositionsstudiums bei Luigi Molfino schloss Fulvio Rampi ein Master und ein Promotionsstudium in Gregorianischem Choral unter Luigi Agustoni am Pontificio Istituto di Musica Sacra in Mailand an. Er folgte Agustoni als Leiter der Abteilung Gregorianischer Choral an eben diesem Pontificio Istituto und veröffentlichte eine Reihe von Werken. 1985 gründete er die “Cantori Gregoriani” (Gregorianische Sänger), ein professionelles Männerensemble, dessen Leiter er noch immer ist. Mit dieser Gruppe hat er sehr viele Aufnahmen gemacht (eine Diskographie von mehr als 20 DCs), lehrte und konzertierte sowohl in Italien als auch im Ausland. Von 1998 bis 2010 war er Leiter der Cappella Musicale der Kathedrale von Cremona. 2010 gründete er den “Coro Sicardo di Cremona”, ein Polyphonie-Ensemble, mit dem er regelmäßig liturgische Gottesdienste in der Kirche Sant’Abbondio in Cremona gestaltet, an der er auch als Organist angestellt ist. Augenblicklich ist er Leiter der Prä-Polyphonie am Giuseppe Verdi Musikkonservatorium in Turin. E-Mail: fulvio.rampi@fastwebnet.it

 

Redigiert von Gillian Forlivesi Heywood, Italien/UK

Übersetzt aus dem Englischen von Lore Auerbach, Deutschland

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