Komponist im Fokus: Rajko Maksimovich

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Von Theodora Pavlovitch, Professorin für Chorleitung an der Nationalen Musik-akademie, Sofia, Bulgarien

 

Theodora Pavlovitch (TP): Wie würden Sie Ihren Kompositionsstil beschreiben?

Rajko Maksimović (RM): Mein Stil hat sich im Laufe meines Lebens stark verändert. Als ich (1961) meinen Abschluss machte, war ich neugierig darauf, was in der Welt los war, und in den 60ern gehörte ich der sogenannten avant garde Serbiens an (ich verwendete Cluster, Aleatorik und Atonalität….). Das bezieht sich in erster Linie auf meine Kammer- und Orchestermusik, aber auch auf die Three Haiku für Frauenchor und Ensemble, die von der Zagreb Biennale 1967 in Auftrag gegeben und dort auch uraufgeführt wurden. 1963 schrieb ich eine 6-sätzige epische Partita, When the Living Envied the Dead, für Chor und Kammerorchester, die oben genannte Charakteristika aufwies, aber wegen des verwandten mittelalterlichen serbischen Textes versuchte ich auch, eine dieser Zeit angemessene Atmosphäre zu schaffen. Der alte Text selbst hat teilweise die passende melodische Linie geliefert, um dies zu erreichen. Aber der gesamte vierte Satz, Prince Lazar’s Plea/ Holly Communion, der a cappella ist, war zu dieser Zeit sehr erstaunlich, da er wie ein Choral der Orthodoxen Kirche klang. Diatonisch, lieblich, harmonisch korrekt.

Später, als meine Musik zunehmend häufiger aufgeführt wurde, und besonders als ich in Berührung mit dem Amateurchor “Krsmanovich” kam, stellte ich fest, dass NICHT das Wichtigste für mich ist, was Musikologen in Zeitungskritiken schreiben, sondern eine solide Kommunikation mit Sängern und Musikern (die sonst Mozart, Bach, Verdi, Orff …. singen oder spielen, und die sicherlich wissen, was Musik IST). Ich fing an, meine musikalischen Ideen anzupassen, damit sie nicht nur leicht gesungen werden können, sondern für die Ausführenden auch angenehm sind. Und das geschah immer häufiger… Testament und Passion sind die besten Beispiele.

Vor zwei Jahren war ich mit einem neuen Freund in Washington, und während eines Gespräches sang er, um etwas zu veranschaulichen, plötzlich genau zwei Takte meines Madrigals “Then there Was Famine”! (I jeste ze – nur Bass). Er erinnerte sich aus den 70ern daran, als er als Mitglied des Chores Subotica (Bass) dieses Madrigal sang.

Ich würde sagen, dass mein bestes, größtes und bedeutendstes Werk, The St. Prince Lazarus Passion, in einem “neo-Byzantinischen” Stil gehalten ist. Es hat diatonische (modale) Melodien, benutzt gelegentlich Isson, und ich habe Klarinetten und Posaunen ausgeschlossen, da sie im Mittelalter nicht benutzt wurden.

 

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TP: Welche Komponisten finden Sie für die zeitgenössische Musik in Serbien am wichtigsten, und wie sehen sie ihre Zukunft?

RM: Wir haben viele Komponisten, die sehr gut sind – ich denke, sie sind besser als die vorherige Generation. Meiner Meinung nach sind die besten – d.h. brillanten – Zoran Erich und Milan Mihajlovich. Unglücklicherweise schreiben diese Komponisten nur Instrumentalmusik. So weit ich weiß, hat jeder hat nur ein Chorwerk geschrieben. Was Chormusik angeht, sind die besten meiner Meinung nach Kosta Babich, der kürzlich verstorben ist, Aleksandar Vujich und Dimitrije Golemovich.

Ich kann nicht hellsehen, aber im Moment beobachte ich eine ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen Komponisten und einzelnen Musikern sowie Ensembles. Sie spielen unsere Musik mit wirklichem Enthusiasmus. Aber unsere (staatlichen) Institute erkennen die hohe Qualität unserer Musiker, Dirigenten und Komponisten nicht an und fördern sie auch nicht angemessen. In diesem Sinne führend ist das Belgrade Philharmonic. Pro Saison geben sie 30-40 Konzerte, aber nur 1-2 serbische Dirigenten oder Musiker (aus dem Ausland, nicht in Serbien lebende) und 3-4 serbische Kompositionen kommen zum Einsatz. Das ist der Grund, warum wir viele ausgezeichnete Musiker, Dirigenten und Komponisten außer Landes haben. 

 

TP: Würden Sie uns bitte mehr über Ihre Beziehung zu Witold Lutoslawski erzählen, dem großartigen polnischen Meister,?

RM: Ich traf ihn zum ersten Mal 1963 bei der Zagreb Biennale, als seine Trois Poemes Henry Michaut uraufgeführt wurden. Ich liebte diese Musik, und sie hatte zu dieser Zeit einen großen Einfluss auf mich. Im selben Jahr ging ich für drei-vier Wochen nach Warschau und besuchte auch den “Warschauer Herbst”, wo die Trois Poemes zum zweiten Mal aufgeführt wurden. Unter anderem wurde dort auch  Pendereckys Polimorphia uraufgeführt. Aber vor Beginn des Festivals hatte ich mich schon mit einigen polnischen Leuten angefreundet – und ob Sie es glauben oder nicht – allmählich fing ich an Polnisch zu sprechen! In den 60ern und 70ern galt ich definitiv als ein Anhänger der “Polnischen Schule”. Wenn ich über die Situation der avant-garde nachdenke – ich mochte weder Cage, noch Kagel, Boulez (als Komponisten, ich schätze ihn sehr als Dirigenten), Stockhausen, Xenakis und andere, da sie die traditionelle Musik nur aufgebrochen und zerstört, aber keine wirklich neue Musik geschaffen haben. Im Gegensatz dazu habe ich behauptet, dass Polnische Musiker wirklich neue Musik gemacht haben. TV Belgrade hat 1975 beschlossen, ein Interview mit Lutoslawsky und einigen anderen polnischen Komponisten zu machen – und auch ich war eingeladen.

Ich hatte einige Interviews auf Polnisch – mit Henryk Gorecky, Tadeush Baird, Zygmund Krauze und ein paar anderen… (Penderecki war in Krakau). Schließlich haben wir Lutoslawsky an zwei Tagen getroffen – erst bei der Komponistengewerkschaft und dann am nächsten Tag in seinem Haus.

Privat haben wir uns auf Polnisch unterhalten, das Interview haben wir aber auf Englisch gemacht, da es sehr ernst war und ich kein Risiko eingehen wollte.

 

TP: Von welchen anderen Komponisten wurden Sie im Laufe der Jahre noch beeinflusst?

RM: Während meines Studiums waren Stravinsky, Prokofiev und Bartok meine Idole. Später Lutoslawsky und Ligeti. Aber in den 80ern und später habe ich, glaube ich, mehr versucht meinen eigenen Stil zu finden, der auf der mittelalterlichen serbo-slavischen Sprache und der byzantinischen Tradition aufbaut, aber auch auf der Meisterschaft Bachs (meiner ersten Liebe), Mozarts und Debussys. Außerdem habe ich mich in den späten 70ern intensiv dem Studium vorhandener Modi gewidmet und versucht, meine eigenen zu finden. Lutoslawsky sagte, Tonalität sei abgenutzt, und ich stimmte dem zu. Aber ich sagte auch, sie sollte durch etwas anderes ersetzt werden, irgendeiner Art Ordnung und NICHT durch Chaos! Ich benutzte zunehmend Modi – manchmal mittelalterliche (dorisch, phrygisch ..) – aber auch meine eigenen (siehe auch www.rajko-maksimovic.net – Bücher – Mehr zu Modi, auf Englisch).

 

TP: Welche Momente Ihres künstlerischen Lebens betrachten Sie als am wertvollsten?

RM: Es gibt einige:

– Die Aufführung von St. Prince Lazarus Passion  in Tours, Frankreich, 1989, mit serbischen Solisten, dem Chor “Krsmanovich”, dem Armenischen Orchester, unter der Leitung von Darinka Matich-Marovich;

– Drei monographische Konzerte meiner Musik (1987, 1996, 2006) in der angesehenen Kolaratz Hall (jedes Mal beinahe ausverkauft);

– Die Aufführung meines Testament in St. Petersburg mit Chor und Orchester der Kapelle “Glinka”, unter Leitung von Vladislav Chernushenko;

–  Die Aufführung meines Testament in Burgas (Bulgarien), mit Chor und Orchester aus der Region, unter Leitung von Yordan Dafov;

– Die Aufführung von St. Prince Lazarus Passion in Belgrad letzten Dezember (nach einer 21-jährigen Pause), trotz der Widerstände derer, die eigentlich helfen sollten! Das Endergebnis war ein unglaublicher Erfolg – Chormitglieder beider Chöre waren hoch erfreut, ebenso die Solisten, Mitglieder des Orchesters und die Zuhörer. Ich bin dem Dirigenten  Boyan Sudjich sehr dankbar für das, was ich als Event of My Life bezeichnete.

 

TP: Sie haben mehrere Bücher geschrieben und herausgegeben: die autobiographisch-memoristische Trilogie “That’s the Way It Was” (1998, 2001, 2002) und 2008 “The Speech of Music”. Was hat sie dazu inspiriert?

RM: Ich würde sagen, das ist zufällig passiert. Als mein älterer Bruder 1995 starb, wurde mir bewusst, dass ich das älteste Mitglied unserer großen (Maksimovich) Familie geworden war. Dann beschloss ich, 10-20 Seiten über meine Eltern, Großvater und Onkel zu schreiben – Dinge, an die ich mich erinnerte – für unsere künftigen Nachfahren. Als ich fertig war, gab ich Kopien an ein paar Familienfreunde. Unabhängig voneinander schlugen sie vor, dass ich fortfahre, nicht nur über die toten, sondern auch über die lebenden Familienmitglieder zu schreiben. Ich stimmte zu, und da ich keine anderen Verpflichtungen hatte, schrieb ich einfach das erste Buch (über die Zeit bis 1965) und druckte es privat (1998). Alle, die es gelesen haben, waren begeistert und alle 500 Exemplare waren schnell verkauft.

Diese Reaktion ermutigte weiter zu machen. Ich fing mit meiner Reise nach Amerika an (Fulbright Stipendium, 1965/66) und schloss mit St. Prince Lazarus Passion (1989). Die Werbung für das zweite Buch fand genau zur selben Zeit statt, als im Fernsehen die WTC Türme (NY) zerstört wurden (9.11.2001). Trotzdem war die Halle voll (ungefähr 150 Leute). Zu diesem Zeitpunkt war der Text für das dritte Buch mehr oder weniger vollendet. Ich kündigte es an und versprach gleichzeitig, zukünftig keine weiteren Bücher mehr zu schreiben. Und dieses dritte Buch wurde bald veröffentlicht. Es handelt vom Kampf gegen Milosevich – Demonstrationen, Protestmärsche, meine Zeitungsartikel usw. Das vierte, das Sie erwähnten, ist eigentlich eine Art Interview. 1991 hat mich Milos Jevtich, Journalist bei Radio Belgrad, in seine Live Radiosendung gebeten. Er hatte vor, es drucken zu lassen, aber die allgemeine Situation in den 90ern hinderte ihn daran. Wir trafen uns 2005 oder 2006 und einigten uns, neue Fragen/Antworten zu machen und beide (alte und neue) gemeinsam zu veröffentlichen.

 

TP: Ihre neuesten Stücke?

RM: Ja, ich habe dieses Jahr ein Chorwerk geschrieben – LAMA – eine Vertonung von Lyrik von Ogden Nash, genial übersetzt von Dragoslav Andrich. Normalerweise schreibe ich nichts Neues. Ich versuche Möglichkeiten zur Aufführung früherer Werke zu finden, die sich als gut herausstellten. Oder ich mache Adaptionen – zum Beispiel eine Suite for Orchestra (4 Sätze der Passion), außerdem aus der Passion: Suite for Violin & Strings (bereits aufgeführt) usw. Zudem habe ich sowohl Testament als auch Passion für englischen Gesang adaptiert! Ich hoffe das wird helfen.

 

TP: Mit welcher Mitteilung würden Sie sich gern von den Lesern des International Choral Bulletin verabschieden?

RM: Mit meiner ausgedehnten Erfahrung würde ich behaupten, dass die Bedeutung/ der Sinn von Komposition in der Aufführung besteht. Ohne Aufführung keine Bedeutung! Noten auf Papier sind noch keine Musik. Das ist nur ein Projekt. Wenn es aufgeführt wird, dann wird es Musik. Um das zu beweisen: Ich verkaufe meine Musik nicht! Ich gebe sie kostenlos. Jetzt, mit email, ist das sehr einfach – rajkomaksimovic88@gmail.com

 

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Sicker, Deutschland

Edited by Graham Lack

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