Neuseelands Chorwesen

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Von Christine Argyle, Chorleiterin und Lehrerin

 

Einer aktuellen Studie zufolge singen mehr Neuseeländer in Chören als dass sie einer der anderen Freizeitbeschäftigungen nachgehen. Die Chorlandschaft Neuseelands besteht aus einer vielfältigen Mischung von vokalen Ensembles, angefangen von Schulchören über städtische und kirchliche Chöre bis hin zu einer Gruppe sehr guter Kammerchöre und drei hervorragenden nationalen Chören: New Zealand Secondary Students’ Choir (der nationale Chor aus Schülern von weiterführenden Schulen), New Zealand Youth Choir (der neuseeländische Jugendchor), Voices New Zealand Chamber Choir (der Kammerchor der Stimmen Neuseelands).

Die Chorszene in Neuseelands weiterführenden Schulen ist dynamisch und vielfältig. Die meisten Schulen haben mindestens einen Chor, einige der größeren Schulen mit großer Tradition rühmen sich, drei oder vier Chöre zu haben, und mehrere Schulen haben außerdem Barbershop- und/oder Maori-Gruppen.

Ein Höhepunkt der Schulchor-Aktivitäten ist der jährliche Chorwettbewerb der weiterführenden Schulen The Big Sing, der vom neuseeländischen Chorverband veranstaltet wird. The Big Sing ist Neuseelands größte Chorveranstaltung mit etwa 250 Schulen, die rund 7.500 Sänger umfassen und die in 11 Regionalwettbewerben in den größeren Städten des Landes antreten. Insgesamt 18 Chöre werden in den Regionen ausgewählt, um beim nationalen Finale aufzutreten, etwa zwei Monate später, wo sie dann um Auszeichnungen in Bronze, Silber, Gold und Platin konkurrieren. Diese werden durch eine Jury aus drei Personen vergeben, die aus zwei führenden neuseeländischen Chorpraktikern und einem internationalen Juroren besteht. Die Chöre müssen ein Programm aus drei Epochen und mindestens eine neuseeländische Komposition vortragen. Diese kann ein traditionelles Stück der Maori oder der pazifischen Inseln sein, und es gibt einen Sonderpreis für die beste Aufführung eines neuseeländischen Werkes mit einem Text in der Sprache der Maori.

Obwohl das Niveau der leistungsstärksten Chöre kontinuierlich gestiegen ist – als Folge des scharfen Wettbewerbs zwischen den Chören und der Möglichkeit für Studenten und Chorleiter, die besten studentischen Chöre in Auftritten zu beobachten – wurden Bedenken laut, dass es immer wieder dieselben Schulen sind, die es zum Finale schaffen, während die große Mehrheit nicht die Gelegenheit hat, die allerbesten in Aktion zu erleben. Um dieses Problem anzugehen, hat der neuseeländische Chorverband ein „Gastchor“-Programm eingeführt, mit 4 Plätzen für Chöre, die das nationale Finale besuchen und an Workshops mit führenden Chorspezialisten teilnehmen können. So sollen sie dabei unterstützt werden, die Schwelle zu einem höheren Chorniveau zu überschreiten.

Der neuseeländische Chorverband veranstaltet ein ähnliches Festival für Grundschulchöre, genannt The Kids Sing, allerdings ist die Teilnahme an diesem Festival bisher auf nur 4 Regionen Neuseelands beschränkt. Dies liegt unter anderem daran, dass zwei der größten Zentren, Wellington und Christchurch, bereits seit einigen Jahren ihr eigenes sehr erfolgreiches und unabhängiges Festival durchführen. Auch wenn es in manchen Grundschulen einige hervorragende Chorleiter gibt, so sind die Fähigkeiten der Chorleiter generell doch recht eingeschränkt. Der neuseeländische Chorverband arbeitet daran, bessere Voraussetzungen für Chorleiter in Grundschulen herzustellen, und plant professionelle Förderseminare für Grundschullehrer.

Im Bereich der städtischen Chöre verfügt Neuseeland über eine große Anzahl an Chören in allen großen Zentren sowie ebenfalls in vielen der kleineren Kommunen. Diese reichen von großen Chorvereinigungen, die mit lokalen Orchestern gemeinsam auftreten, manchmal auch mit dem neuseeländischen Sinfonieorchester, bis hin zu Chören mit besonderer Ausrichtung, beispielsweise Ensembles für Alte Musik, Weltmusik- oder Barbershop-Chöre.

Der neuseeländische Chorverband veranstaltet eine Reihe von Festivals für kommunale Chöre unter dem Titel SingFest. Früher einmal waren dies Wettbewerbe, mittlerweile jedoch sind daraus Festivals ohne Wettbewerbe geworden, die von einem Chorexperten besucht werden, der etwa einen Workshop zu einem allgemein interessanten Thema anbietet oder zu jedem einzelnen Auftritt aller Chöre einen kritischen Bericht erstellt.

 

John Rosser NZCF Governance Board, at the Napier workshop for the Rugby World Cup
John Rosser NZCF Governance Board, at the Napier workshop for the Rugby World Cup

 

Eine Großveranstaltung im neuseeländischen Chorkalender ist das Sing Aotearoa Festival. Hierbei handelt es sich um eine Kombination aus einem Festival und einer Fachtagung, die einen Schwerpunkt auf die professionelle Entwicklung von Chorsängern und Chorleitern setzt. Das Festival vereint westliche Tradition mit Maori und pazifischen Gesangsstilen in einer einzigartigen multikulturellen Mischung.  Teil des Programms sind auch Workshops mit führenden neuseeländischen Chorpraktikern sowie bekannten internationalen Chorpersönlichkeiten. Simon Carrington (aus England) und Sanna Valvanne (aus Finnland) waren die Gastdozenten 2009. Das nächste Sing Aotearoa Festival ist für 2013 geplant.

Ein Bereich, der in den letzten Jahren stark gewachsen ist, umfasst städtische Chöre, die keinerlei Vorauswahlverfahren und ein sehr breites Repertoire haben. Im Jahr 2005 hat Julian Raphael den Wellington Community Choir gegründet, der eine Politik der offenen Tür betreibt und jede Woche neue Sänger und Gäste willkommen heißt. Der Chor beschreibt sich selbst als völlig offener Chor, ohne Vorgaben zur Größe des Chores oder zur Art und Weise, wie Leute den Chor besuchen können. Dies ist möglich, weil:

  • jede/r willkommen ist, unabhängig von musikalischen Voraussetzungen oder Erfahrungen
  • alles wird über das Hören erlernt – die Sänger müssen keine Noten lesen können
  • die Liedtexte werden auf eine Leinwand projiziert – teure Notenausgaben sind nicht notwendig
  • Sänger können kommen, wenn sie Zeit haben, ohne eine wöchentliche Verpflichtung einzugehen; sie zahlen nur für die Proben, die sie besuchen

Folglich ist die Besetzung des Chores sehr unterschiedlich. Seit Beginn der Aufzeichnungen vor 5 Jahren sind 1850 Menschen durch die Tür gekommen. Die durchschnittliche wöchentliche Sängerzahl liegt aktuell um 170. Der Chor singt Musik aus verschiedenen Chortraditionen weltweit, einschließlich derjenigen Neuseelands. Weitere Chöre ähnlicher Art haben sich in den letzten 5 Jahren im ganzen Land gebildet, einige nach dem Vorbild der Arbeit von Julian Raphael.

Neuseelands Bevölkerung wandelt sich in kultureller Hinsicht sehr rasch. Während des 20. Jahrhunderts machten Maori und pazifische Insulaner meist weniger als 10% der neuseeländischen Bevölkerung aus. Heute sind etwa 30% aller Neuseeländer Maori, pazifische Insulaner oder Asiaten. Im Jahr 2050 wird diese Zahl 50% erreichen.

Die Barbershop-Tradition übt einen besonderen Reiz auf die jungen Maori und pazifischen Insulaner aus, und es gibt große Konkurrenz auf den nationalen Wettbewerben für junge Sängerinnen und Sänger, die in Quartetten oder Chören der weiterführenden Schulen antreten.

Die besten gymnasialen Quartette und Schulchöre Neuseelands sind mit beachtlichem Erfolg in den USA aufgetreten. Insbesondere die Musical Island Boys, ein Quartett, das pazifische Wurzeln mit traditionellem Barbershop verbindet, hat 2006 die Goldmedaille der Unter-25-Jährigen bei der Weltmeisterschaft in Indianapolis gewonnen – als erstes Quartett von außerhalb der USA, das diese prestigeträchtige Auszeichnung gewann.

Michael Stewart hat einen Überblick über die Kirchenchöre in Neuseeland verfasst, und Dr. Karen Grylls hat über Neuseelands Nationalchöre geschrieben. Diese beiden Artikel zeigen zusammen mit diesem Artikel eine Momentaufnahme der großen Vielfalt an Ensembles und Aktivitäten, die das bunte neuseeländische Chorwesen ausmachen.

 

 

Christine ArgyleChristine Argyle ist Vizepräsidentin des Neuseeländischen Chorverbandes sowie Gründerin und musikalische Leiterin des Kammerchores Nota Bene aus Wellington. Sie studierte Chorleitung bei Karen Grylls und Uwe Grodd, und sie ist ein früheres Mitglied des nationalen Jugendchores (New Zealand National Youth Choir), der New Zealand Singers, des Auckland Dorian Choir, des London Symphony Chorus sowie der Opernchöre von Auckland und Wellington. Zuletzt hat sie seit dessen Gründung 1998im Voices New Zealand Chamber Choir unter Karen Grylls gesungen. Ihre zehnjährige Lehrtätigkeit umfasst die Leitung der Musikabteilung von zwei großen weiterführenden Schulen und eine mehrjährige Arbeit als reisende Vokal- bzw. Chorpädagogin. 1996 begann sie als Musikredakteurin, Produzentin und Moderatorin für den neuseeländischen Radiosender Concert FM zu arbeiten. Mit ihren Dokumentationen zum 20-jährigen Jubiläum des nationalen Jugendchores, zum Festival Sing Aotearoa 2000 und zur Hundertjahrfeier des Wanganui Opernhauses ist sie bis in die Finalrunde des Qantas Media Awards vorgedrungen. 2001 begründete und etablierte sie die tägliche Musiknachrichten-Sendung Upbeat! im neuseeländischen Radio. Als freie Musikproduzentin war Christine für die international gefeierte, beim Label Naxos erschienene CD des Tudor Consorts mit Werken von Peter Philips verantwortlich, außerdem für die CD Service of Shadows der Wellingtoner Kathedrale St. Pauls. E-mail: cargyle@paradise.net.nz

 

Aus dem Englischen übersetzt von Stefan Simon, Deutschland

Edited by Gillian Forlivesi Heywood, Italy

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