Komponist im Schlafanzug: Ein Interview mit Ivo Antognini

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Nathan Windt, Chordirigent und Lehrer

Übersetzt aus dem Englischen von Irene Auerbach, England

 

Nathan Windt: Wie würden Sie Ihren Kompositionsstil für Menschen beschreiben, die nicht mit Ihrer Musik vertraut sind?

Ivo Antognini: Ich schreibe in vielen Stilarten, und in meiner Chormusik finden sich Stücke von unterschiedlicher Schwierigkeit. Es kann etwas ganz Leichtes für zwei Stimmen sein, oder vielleicht schwieriger und für sechzehn Stimmen. Wenn ich komponiere, ist das Wichtigste für mich, dass ich bestimmte Elemente in der Musik habe. Sie muss schön sein – wie ein schöner Berg oder ein schönes Gemälde. Sie muss auch positiv sein, weil wir heutzutage positive Dinge brauchen, und ich möchte bei meiner Hörerschaft einen positiven Eindruck hinterlassen. Das geistliche Element ist ebenfalls wichtig, sei das im allgemein menschlichen oder im religiösen Sinne, aber es muss echt und tief sein und unseren Seelen etwas Wichtiges mitteilen. Und – wenn wir von der Chormusik sprechen – so meine ich, dass sie sangbar sein muss. Normalerweise singe ich selbst alle Stimmen in meinen Kompositionen durch, und es muss mir Spaß machen, sie zu singen. Und der letzte Punkt, der für mich der wichtigste ist, betrifft das Emotionale: ich versuche immer, Musik mit meinem Herzen zu schreiben, und ich muss zu allererst einmal mich selbst anrühren, so dass ich eine Gänsehaut bekomme. Wenn mir das beim Komponieren passiert, dann werden Publikum und Chor – selbst bei den Proben – dies auch fühlen. Was den Stil angeht, so liegt mir das Harmonische sehr am Herzen: komplizierte Akkorde, die aber leuchten, und ich ziele auf Abwechslungsreichtum hin – nicht in D Dur anfangen und fünf Minuten dort bleiben. Ich wandere gern “herum”.

 

NW: In Ihren Kompositionen findet sich eine beträchtliche Bandbreite der Stile. Meinen Sie, dass Ihre Erfahrungen mit Jazz und mit Filmmusik – was wir stereotyp als U-Musik betrachten könnten – Ihre Chorwerke beeinflusst haben, oder finden Sie, dass Ihr Komponieren für Chöre in andere Richtungen geht?

IA: Es ist nicht zu überhören, dass ich von Jazz und Film beeinflusst bin, und obwohl ich nie offiziell Komposition studiert habe – das darf nicht mit Vertiefung in die Technik der Komposition verwechselt werden: ich befasse mich sehr viel mit solchen Studien, und ich besitze zahlreiche Partituren von Werken der großen Meister der Vergangenheit – aber ich glaube, dass Komponisten neue Schreibweisen finden sollten, und natürlich schreibe ich ganz anders für Chor als für Klavier. In jedem neuen Stück versuche ich, eine neue Energie zu entdecken. Wenn Sie sich mein “Ave Maris Stella” oder “Lux Aeterna” anhören, das sind sehr unterschiedliche Stücke. Ich versuche, in jedem Stück etwas anders zu machen – nicht besser, nur anders. Jedes neue Stück ist ein Sprung ins Unbekannte, wie ein Kind, das sich mit neuen Spielsachen beschäftigt. Darum wird mir das Komponieren nie langweilig.

 

NW: Gibt es Komponisten, die Sie besonders beeinflusst haben?

IA: Johann Sebastian Bach ist ganz oben auf der Liste; der Kontrapunkt ist einfach sagenhaft. Beethoven besitzt Energie und Rhythmus. Mozarts Einfallsreichtum und Melodien sind schön; Chopin und Tschaikowski gehen ans Gemüt; und Ravel ist ein Vorbild für die Orchestrierung. Das sind meine großen Meister. Eines, das ich nicht tue, ist andere Komponisten unserer Zeit nachzuahmen. Ich glaube, dass ich meinen eigenen Stil besitze und meine eigene musikalische Ausdrucksfähigkeit. Ich bin auch kein hauptamtlicher Komponist: Ich bin ein “Schlafanzugkomponist”, denn ich schreibe nur von 5.30-7.00 morgens, so dass ich allein und in Ruhe sein kann, wenn möglich im völligen Dunkel, und das ist die einzige Methode, mit der ich versuchen kann, Eingebung zu finden.

 

NW: Ihre Biografie erwähnt ein zwangloses aber wichtiges Ereignis im Jahre 2006. Können Sie mir mehr davon berichten?

IA: Es war sagenhaft. Mario Fontana ist Dirigent des Chores Coro Calicantus, und er war mein Klavierschüler. Er sagte immer wieder: “Ivo, du musst zu einem Konzert kommen”. Ich ging aber nie zu einem Konzert. Ich sagte ihm sogar, dass ich Chormusik eigentlich nicht mag, denn ich war naiv und war noch nie in einem Chorkonzert gewesen. Er bestand aber so sehr darauf, dass ich schließlich nachgab, obwohl ich eigentlich nicht wollte. Als der Chor anfing zu singen, war ich richtiggehend fasziniert. Meine Frau schaute mich an und sagte, dass ich in Zukunft Chormusik würde schreiben müssen, und sie hatte Recht! Ich sagte zum Dirigenten, wie herrlich das Konzert gewesen war, und dass ich nach Hause gehen und noch am selben Abend ein Stück für seinen Chor schreiben würde. So schrieb ich über Nacht mein erstes Stück für diesen Chor, und ich ging zur Uraufführung. Normalerweise sind meine Erwartungen als Komponist bei einer Premiere ziemlich niedrig, vielleicht 50%, also nicht sehr zufriedenstellend. Aber in diesem Konzert gab es 120%. Es ist ein ganz besonderer Chor, und jedes seiner Konzerte ist wirklich bewegend.

 

NW: Ihre Chormusik reicht von Zweistimmigkeit zu komplizierteren Texturen. Haben Sie beim Schreiben Ihrer Stücke einen idealen Chor im Sinn?

IA: Das kommt auf das Stück an. Wenn es ein Stück ist wie mein “O Magnum Mysterium” würde ich sagen, dass das jeder Gemeindechor singen kann. “Lux Aeterna” oder “Ich bin die Rose von Scharon” kann von Berufs- oder Universitätschören gesungen werden, aber das Wichtigste ist der Dirigent. Der Dirigent muss mit dem Stück wirklich eng vertraut sein; wenn es einen Akkord mit sechs verschiedenen Tönen und acht Stimmen gibt, muss er in der Lage sein zu sagen: “Soprane, nicht so laut: Bässe, mehr”. Das ist das Problem. Manchmal ist es schwierig, die Akkorde in meiner Musik zu handhaben und auszubalancieren, aber es ist der Dirigent, der Berufsmusiker sein muss, nicht unbedingt der Chor.

 

NW: Sie erwähnen “O Magnum Mysterium”, eine Ihrer bekanntesten Kompositionen. In Ihren Anmerkungen zu diesem Stück schreiben Sie: “Dies Stück hätte bis zum nächsten Weihnachtsfest in der Schublade bleiben sollen”. Was wollen Sie damit sagen?

IA: Es war ein wirklich einfaches Stück, ganz anders als meine früheren Veröffentlichungen. Deshalb dachte ich, dass die Verleger sich nicht dafür interessieren würden. Aber als ich das Stück auf YouTube stellte, schrieben eine ganze Reihe Verleger an mich, weil sie es veröffentlichen wollten. Dann ging mir auf, dass das Stück nicht nur einfach ist, sondern auch, dass es viel schwieriger ist, ein “leichtes” Stück zu komponieren, das aber auch interessant ist und das ein Berufschor als Herausforderung betrachten kann. Ich hatte wirklich nicht geglaubt, dass sich irgendjemand für das Stück interessieren würde.

 

NW: Eine weitere unverwechselbare Eigenschaft Ihrer Musik ist Ihr häufiger Einsatz von “Sprechgesang”, wie in “Ave Maria”, wie auch andere ungewöhnliche Einfälle wie Pfeifen in “Sanfter Regen wird fallen”. Gibt es dafür irgendwelche besondere Gründe, abgesehen von der Abwechslung in den vokalen Klangfarben?

IA: Wie ich Ihnen schon sagte, bemühe ich mich ständig um neue Methoden des Komponierens, wie ein Kind mit einem neuen Spielzeug. Dies war ein “Spielzeug”, das ich vor etwa vier Jahren in meiner Chormusik benutzte; inzwischen setze ich andere “Spielsachen” in meiner Musik ein. Es war zu jenem besonderen Zeitpunkt eine Methode, meiner Musik Profil zu verleihen. Jetzt benutze ich andere Systeme. Ich will damit nicht sagen, dass ich die früheren Methoden bereue – aber jetzt experimentiere ich eben mit anderen.

 

NW: Ihr Werk bezeugt unbezweifelbare Abwechslung in Ihren Vertonungen von geistlichen und weltlichen Texten, und sogar beträchtliche Vielfalt innerhalb dieser Kategorien. Gibt es eine “Sorte” Text, die Sie besonders anspricht? Wonach halten Sie Ausschau, wenn Sie auf der Suche nach einem Text zur Vertonung sind?

IA: Zuallererst muss er schon mal in meinen Ohren gut klingen. Ich spreche Italienisch, und so muss der Klang der Wörter ansprechend sein. Darum arbeite ich so gern mit alten lateinischen Texten. Natürlich muss der Text mir auch etwas mitteilen, an das ich glaube – sonst ist es sinnlos, ihn zu vertonen. Ich schreibe gern auf englische Texte, auch, weil das Stück dann eine bessere Chance hat, auf internationaler Ebene aufgeführt zu werden. Als internationaler Komponist möchte ich Stücke schreiben, die überall aufgeführt werden können. In meinem Computer habe ich einen besonderen Ordner mit vielen, vielen Texten, die ich in Zukunft vertonen möchte; wenn es mir gewährt wird, würde ich schreiben, bis ich 200 Jahre alt bin!

 

NW: Liegt Ihnen eins Ihrer Stücke besonders am Herzen?

IA: Darüber habe ich eigentlich nie nachgedacht! Ich glaube, ich kann drei Stücke auswählen; mit Sicherheit würde ich “Lux Aeterna” wählen; das Stück ist meinen Eltern gewidmet, die beide noch am Leben sind und sich jeden Tag meine Musik anhören. Ich würde auch “O Magnum Mysterium” wählen, als leichtes, aber eben auch sehr gutes Stück. So ziemlich jede Woche schreibt mir jemand, um mir zu sagen, wie viel Freude es ihm oder ihr macht, in diesem Stück mitzusingen. Das dritte Stück wäre “Sanfter Regen wird fallen”, weil in diesem Stück so viel los ist. Als ich diesen Text zum ersten Mal las, war ich fünfzehn Jahre alt; ich las das Gedicht auf Italienisch, und zehn Jahre später fand ich es wieder und meinte, dass es sich ganz ausgezeichnet zur Vertonung eignen würde. Ich liebe auch ein Stück, das ich für Coro Calicantus schrieb: “Wah-Bah-Dah-Bah-Duu-Bi”. Ich widmete es einem sehr guten Freund und Schüler von mir, der vor sieben Jahren sehr jung starb. Natürlich mag diese Liste sich ändern. In einem Monat fahre ich zu einer Welturaufführung durch Stephen Layton mit dem Chor von Trinity College, Cambridge, und vielleicht ändert das meine Meinung.

 

Ivo Antognini ist zur Zeit Professor am Konservatorium der italienischen Schweiz, Musikuniversität, in Lugano, Schweiz. DCINY arbeitet an der Vorbereitung eines Konzertes am 22. März 2016 mit Musik von Antognini im Lincoln Center in New York, mit einer internationalen Gruppe von Chören. Sollten Sie dafür vorsingen wollen, wenden Sie sich bitte an Jason Mlynek: jason@dciny.org. Weiteres über die Musik von Ivo findet sich auf seiner Webseite http://www.ivoantognini.com.

 

Nathan Windt ist ein vielseitiger Dirigent der Chor-, Orchester- und Opernliteratur. Er hat im Chicago Symphony Choir, im May Festival Chorus, im Vocal Arts Ensemble von Cincinnati, im Chattanooga Bach Choir und zahlreichen Kirchen- und Synagogenchören gesungen und bei der Aufführung von Meisterwerken unter dem Dirigat vieler der berühmtesten Maestros unserer Zeit mitgewirkt. Seine Chöre sind im Rundfunk und im Fernsehen aufgetreten und in den Vereinigten Staaten und weltweit auf Tournee gewesen, jüngst in Deutschland, Österreich und Tschechien. Zur Zeit ist er Leiter der Chormusik an der Universität St. Ambrose in Davenport, Iowa. E-mail: nathanwindt@gmail.com.

 

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